Serie Podcatcher, Teil 1: Pocket Casts

Seit Sonntag dem 14.6.2015 ist bekannt, dass vemedio und damit Instacast, einer der beliebtesten Podcatcher für iOS und OS X die Segel streichen. Viele Menschen verlieren damit den zentralen Knotenpunkt ihres Podcastkonsums, das geliebte Herzstück vieler Abonnements.

Jammern und Klagen hilft nicht, es muss – möglichst kurzfristig – ein neuer Podcatcher ins Haus. Welche Alternativen sich anbieten, worauf man für sich achten muss und welche Abstriche gemacht werden müssen, darauf möchte diese kleine Serie eingehen, die heute mit Pocket Casts von Shifty Jelly beginnt.


Vorschau: Was kommt nach Instacast?
1. Teil: Pocket Casts
2. Teil: Castro
3. Teil: Podcat


Pocket Casts

Pocket Casts

Pocket Casts sagt man nach, dass es Instacast am nähesten gerät. Nun gut, eigentlich sage ich das und interpretiere es nur aus meiner Twitter-Timeline heraus.

Aber fangen wir vorne an. Shifty Jelly heißt der Schuppen, der Pocket Casts produziert. Man findet die fünf Menschen dieser Firma am anderen Ende der Welt, in Australien. Ob das einen Einfluß auf ihre Art, einen Podcatcher zu entwickeln hat, lässt sich nur schwer sagen. Vielleicht aber erklärt es, weshalb die Changelogs regelmäßig witziger als 90% der Shows aller deutschen Comedians (haha) sind. Zusammengenommen!

 

Fein, hier beherzigt jemand meinen permanenten Ratschlag, die Arbeit sehr ernst zu nehmen, aber um Himmels Willen nicht sich selbst. Die Damen und Herren bei Shifty Jelly sind ein kommunikatives Völkchen, was sich auch im Support niederschlägt (das ist die Dame mit dem Messer). Wer auf Twitter unter @pocketcasts nachfragt, bekommt mit hoher Wahrscheinlichkeit kurz danach Antwort. Pluspunkt!

Aber Support ist nicht alles und zunächst muss ja die App stimmen. Was also bekommt Ihr für aktuell 3,99€ im Appstore?

Die Migration

Fangen wir vorne an mit der Migration und hangeln wir uns an den Schritten entlang, die es braucht, von Instacast auf Pocket Casts umzusteigen.

IMG_7848Instacast bietet eine Exportfunktion für Abonnements an, die Ihr unter Einstellungen->Daten exportieren->Abonnements findet. Teilt Instacast mit, wohin ihr die Exportdatei (eine OPML-Datei, also eine XML-Datei mit Feedadressen) werfen möchtet. Pocket Casts ist eine der möglichen Empfänger, klickt aber noch nicht auf das Icon!

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Öffnet zunächst Pocket Casts, wühlt Euch durch den Start zum Hauptscreen durch („No thanks…“ bei der Frage nach Syncing) und geht in die Settings. Wählt auf jeden Fall zunächst den automatischen Download ab. Wenn Ihr nur genug Feeds abonniert habt, werdet Ihr hier echte Probleme bekommen, wenn erst einmal 20 Folgen im Download stecken.

IMG_7850Ist das erledigt, geht wieder zu Instacast, wählt den Export und schickt nun alles nach Pocket Casts. Das öffnet sich nun und startet den Import. Ein Progresswheel verrät Euch, wie weit der Import bereits abgeschlossen ist. Der Import meiner 163 Feeds ging in knapp einer Minute durch. Sicherlich hängt das auch und gerade von Eurer Netzanbindung ab, aber allzu viel Mühe hat Pocket Casts hier nicht.

I st das erst einmal erledigt, kann es ans Eingemachte gehen. Herzlich willkommen bei Pocket Casts, alles kann von vorne beginnen!

Los geht’s!

Der Startbildschirm begrüßt Euch mit allen nötigen Informationen und Optionen. Per Tap erreicht Ihr die Liste aller Podcasts. Hier erwartet mich das erste Mal ein Problem. Die Podcastliste besteht ausschließlich aus den Bildern der Podcasts. Auf meinem 5S sieht das so aus:

Podcastliste Pocket Casts

Öhm ja. Nein! So finde ich eigentlich gar nichts. Das könnte funktionieren, hätte jeder Podcast das perfekt auf ihn zugeschnittene Logo. Mit Titel und sauberer farblicher Gestaltung. Dass dem so nicht ist, seht Ihr selbst. In Folge finde ich hier praktisch erst nach langer Suche etwas, denn die Podcasts sind nicht zwingend in der Reihenfolge, in der Ihr sie erwartet. Ein „der“ oder „die“ vor dem eigentlichen Podcasttitel versaut die alphabetische Sortierung gerne…

Ich gestehe, das ist nur eine lässliche Sünde. Ich würde mir hier eine alternative Textliste wünschen, die mir auch die Anzahl der noch nicht gehörten Episoden anzeigt. Angesichts der Einfachheit, würde ich tippen, dass eine ausreichend große Menge an Featurerequests helfen könnte.

Der zweite und bei weitem größte Teil des Startschirms wird von den Episodenfiltern ausgefüllt. Die voreingestellten Filter sind die für ungespielte Folgen, heruntergeladene, Videofolgen und die gerade im Download befindlichen. Wer möchte, kann mit Hilfe einiger Attribute eigene Filter erstellen.

Diese Attribute begrenzen sich auf einfache Eigenschaften wie „ungespielt“, „heruntergeladen“ und „Audio“. Darüber hinaus kann man den Filter auf bestimmte Podcasts einschränken. Mir würden hier noch ein paar Eigenschaften gefallen. Sowas wie „Folge ist nicht länger als X Minuten“, „erschien in den letzten Y Tagen“. Aber ich bin da vielleicht nicht der MAßstab und auch Instacast hatte das leider nicht :-} Mir würde aber vor allem gefallen, könnte man einzelne Folgen bewußt in eine Liste schieben. Das würde mir ermöglichen, meinen Konsum deutlich besser zu strukturieren.

Die Einstellungen – ganz am Ende der Liste und ohne weiteren Klick in irgendein aufklappendes Menü zu erreichen – bieten das Übliche: Spanne der Forward und Backward-Buttons, Bildschirmsperre, automatische Downloads, Aufräumoptionen etc…

Pocket Casts Webplayer

Pocket Casts Webplayer

Erwähnenswert ist, dass auch Pocket Casts eine „Cloud“ anbietet, die hier Sync&Backup genannt wird. Das ermöglicht den Sync zwischen unterschiedlichen Geräten und eröffnet auch den Weg zur Webapp von Pocket Casts. Diese bietet für 10.71$ (aktuell 9.84€) an jedem Gerät nutzbare Weboberfläche. Hier könnt Ihr abspielen, abonnieren, Abos kündigen und so weiter. Ich nutze sowas sehr gerne, denn oft geht es schneller, das mit Maus und großem Bildschirm zu erledigen. Denkt dran, ich nutze aktuell 163 Podcasts und täglich kommen welche hinzu oder fliegen raus.

Zurück zur App auf dem iPhone. Die Liste die ich wähle ist die der ungespielten oder angespielten Podcasts. Bei mir heißt die im Test „Todo“ und wurde noch per Hand angepasst. Die neuesten Folgen stehen oben, die alten unten. Das ist natürlich konfigurierbar. Ein Menü oben rechts bietet an, alle Folgen abzuspielen, herunterzuladen, als gespielt zu markieren oder den Filter diese Liste zu editieren.

Lasst uns was hören!

Lasst uns mal eine Episode abspielen. Gerade eben hat Tim Folge 58 der Raumzeit veröffentlicht. Raumzeit? Ja genau, das Ding, das ESA und Co eingestellt hatten, das hat Tim nun revampt. Es geht darin um Philae, den Komentenbesucher. Nehmen wir diese Folge als Beispiel.

Ist die Folge noch nicht heruntergeladen, steht in der Liste neben dem Podcasticon und dem Titel der Sendung ein Button, der den Download startet. Sehr angenehm finde ich, dass die Dateigröße, wenn vorhanden (Metadaten, liebe Podcasts!), unter dem Button angezeigt wird und während des Downloads von 0KByte auf die volle Größe der Folge hochgezählt wird. Das einfache Progresswheel aus z.B. Instacast war mir da immer zu wenig.

Ist die Folge mal da, erscheint der Play-Button und los kann es gehen. Übrigens kann man in den Einstellungen angeben, dass man Folgen generell nicht herunterladen, sondern nur streamen möchte. Also nicht erst den Downloadprozess hinter sich bringen möchte, sondern sofort loslegen will. In diesem Falle zeigt sich kein Downloadbutton sondern direkt der Play-Button. Gefällt mir und ich überlege, ob ich das zur Standardeinstellung bei mir mache. Immerhin habe ich nur mickrige 16 GByte auf dem Gerät :( Netz hingegen ist nicht das Problem, jedenfalls nicht der Traffic. Es könnte aber Probleme geben, wenn ich in schlecht versorgte Gebiete komme. Dem ist jedoch zu begegnen, denn ein Download ist trotzdem möglich.

Die Folge in Pocket Casts

Die Folge in Pocket Casts

Dazu tappt man schlicht auf die Episode in der Playlist selbst. Es öffnet sich ein Fenster mit dem Artikel zur Episode und einigen Möglichkeiten. Ihr könnt diese Folge favorisieren (Liebe Freunde bei Shifty Jelly: Autoflattr! BITTE!) , sie mit anderen teilen – hier wird eine Webseite bei Pocket Casts generiert ähnlich wie instaca.st, nur heißt es hier eben pca.st :) – man kann die Folge abspielen, stoppen, löschen, herunterladen und vor allem als nächste abzuspielende Folge markieren. Das überschreibt sich übrigens nicht, sondern erzeugt eine echte Liste. Während Ihr also Tim zuhört und Holgi als nächste Folge hinzufügt, könnt Ihr noch drei weitere hinten anhängen, die dann nach Holgi abgespielt werden.

Die einzige Swipegeste, die ich in der Episodenliste gefunden habe, ist übrigens die, um Folgen als gespielt zu markieren. Die führt Ihr wie vermutlich gewohnt von rechts nach links aus.

Der Player

Kommen wir zum Player selbst. Den erreicht man, wie auch bei Instacast, unterhalb der Liste in einem eigenen Bereich, der nur erscheint, wenn auch etwas abgespielt wird. Ein Tap darauf öffnet den Player, der aus drei Fenstern besteht, die man per Swipe erreicht.

Das wichtigste Fenster zeigt das Episodenbild, die üblichen Playerelemente mit Play/Pause, Vorwärts und Rückwärts. Darunter finden sich noch die Abspielgeschwindigkeit und auch einen Sleeptimer, der sich in 5-Minuten-Schritten einstellen lässt.

Oben findet sich noch ein Link zu den Kapitelmarken. Der Titel des aktuellen Kapitels wird über der Zeitleiste dargestellt, der Link selbst öffnet ein Popdown, in den die Kapitel in Gänze dargestellt und auch angesprungen werden können. Diese Kapitelmarken werden wohl aus dem m4a der Folge generiert, podlove Chapters werden eher nicht unterstützt, wäre mein Tipp :(

Der Pocket Casts Player

Der Pocket Casts Player

Unterstützung

Pocket Casts unterstützt auf dem iPhone das übliche Set an Audioformaten: AAC und MP3 natürlich. Was iOS so anbietet eben. Feedstandards über den untersten Standard hinaus werden meiner Erfahrung nach nicht unterstützt. Das wären z.B. Podlove Simple Chapters oder auch rfc5005 mit den paged feeds, die auch alte Folgen in den Podcatcher spülen können, ohne den Hauptfeed mit hunderten Episoden aufzublähen. Kapitelbilder werden meiner Meinung nach auch nicht unterstützt, korrigiert mich, wenn ich da falsch liege.

Flattr findet gar nicht statt und das ist natürlich traurig. Die Infrastruktur ist da und ich vermute, es wäre die Arbeit von vielleicht zwei Tagen, das mit Hilfe der Webapp zu implementieren. Solltet Ihr Pocket Casts nutzen oder in Zukunft nutzen wollen, schreibt @pocketcasts doch mal einen Tweet zum Thema. Schadet bestimmt nicht.

Dieses Feld liegt insgesamt nicht eben brach, es könnte aber ein wenig mehr bieten. Luft nach oben, die ausgefüllt werden mag.

Eindrücke

Jetzt wird es etwas schwammig. Ich bin nicht Redakteur bei der c’t und habe jahrzehntelange Erfahrung darin, Softwarereviews perfekt zu strukturieren. Deshalb wird das jetzt etwas ungefähr.

Wichtig ist mir persönlich der Umgang mit vielen Feeds und noch viel mehr Episoden. Das können bei mir schon einmal 200 ungehörte Folgen werden und bei Instacast war das hin und wieder etwas schmerzhaft. Vielleicht ist Euch aufgefallen, dass die Größe des Scrollbalkens nicht stimmte und erst dann angepasst wurde, wenn man in der Liste herunterscrollte. Das ist bei Pocket Casts deutlich flüssiger und korrekter erledigt.

Das Nachladen der Episoden- und Podcastbilder ist praktisch nicht spürbar und nur das erste Öffnen der Podcastliste selbst erzeugt da etwas Verzögerung und die Darstellung von Platzhaltern. Kleine Unschönheiten gibt es jedoch, wie z.B. nicht korrekt zentrierte Beschriftungen oder die für meinen Geschmack irgendwie nicht ganz korrekte Typografie. Ich kenne die genutzte Schrift nicht, jedoch ist sie mir für die Darstellung vieler Informationen in einer Liste deutlich zu schmal im Seitenverhältnis.

Dennoch: Im Grunde läuft fast alles sehr geschmeidig und wie erwartet ab. Das Einfinden in die UI ging flott über die Bühne und nach wenigen gehörten Episoden fühle ich mich hier ziemlich heimisch.

Und jetzt?

Ja, gute Frage. Danke. Ob Pocket Casts das Mittel der Wahl für Euch und auch für mich ist, wird sich erst nach einigen Tagen, vielleicht Wochen beantworten lassen. Kleinigkeiten, die mir nicht direkt gefallen, wie z.B. die Typografie, schleifen sich vermutlich ein. Andere Dinge sind in Pocket Casts eleganter gelöst wie in Instacast. Viele Operationen auf Episoden sind hier in einem eigenen Popup untergebracht, nicht wie bei Instacast per Swipe über die Episode. Das gefällt mir persönlich besser.

Fazit

Wie gestern schon erwähnt muss man selbst einige Fragen beantworten, um am Ende zu einem Ergebnis zu kommen. Der Funktionsumfang von Pocket Casts jedenfalls macht es zu einem heißen Kandidaten für den Posten des Lieblingspodcatchers bei mir.

Pocket Casts ist ein solides Stück Software mit hervorragendem Support. Wer, weshalb auch immer, die Plattform wechseln muss, ist hier gut bedient, denn Pocket Casts gibt’s nicht nur für iOS, sondern auch für Android und seit neuestem auch für Windows Phone. Der Webplayer öffnet zusätzliche Anwendungsszenarien und erleichtert die Bedienung für größere Aktionen. Der Account dafür ist auch kostenfrei nutzbar, wenn man nur Syncen möchte.

Die Features, die mir jetzt noch fehlen, könnten durch ausreichenden Druck der Community vielleicht nachgeführt werden. Natürlich möchte niemand seine APP überfrachten, aber Unterstützung für z.B. die Podlove Simple Chapters wären nichts, das die UI überfrachten würde.

Eine Einbindung als Podlove-Referenzpodcatcher wird es hier wohl nicht geben. Shifty Jelly sitzt in Australien und wird den ppw15b wohl eher nicht besuchen. Aber vielleicht findet das eine oder andere Feature seinen Weg in Pocket Casts.

Wer an Instacast die Menge an Features und die Klarheit in der UI mochte, der wird hier gut bedient werden. Für 4€ bekommt man eine ganze Menge Podcatcher.

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