nicolas semak: Straßenpodcast

Ich will mir ja nicht anmaßen, die wirklich wunderbaren Außenaufnahmen des @kuechenradio­s als Urknall von Nicolas’ erstem Eintrag im neuen Feed zu bezeichnen. Aber irgendwie hängt das sicher zusammen.

Nicolas Semak | Podcast

heißt das dann eher minimalistisch und im Grunde trifft das auch auf den bisherigen Inhalt zu. Da war Nicolas auf der Straße und hat einen (meistenteils) auf der Straße lebenden Menschen zehn Minuten lang über dessen bisheriges, aktuelles und zukünftiges Leben befragt.

Zehn Minuten? Natürlich ist das zu wenig für gestandene Podcastfans. Ja? Sicher? Ist das wirklich so? Ist das zu wenig? Gerade für ein solches Thema?

Die Frage sollte hier sein: was will man? Ein ausführliches Feature über die Problematik “Obdachlosigkeit in einem hochentwickelten Industriestaat”? Will man eine spannende Biografie, an der man sich abarbeitet wie an einem Wirtschaftsroman, mit allen dreckigen Details und Winkelzügen des Zufalls, die den Befragten dorthin gebracht haben, wo er nun ist? Damit man sich bei jedem zweiten Satz freuen kann, dass es einem dem Floriansprinzip getreu bisher besser ergangen ist?

Oder haben wir es hier mit dem formulierten Wunsch zu tun, den Nicolas in den Artikel hineingeschrieben hat?

und ich wollte gerne etwas über ihn wissen

Ihr seht, man muss es sich gar nicht so kompliziert machen. Es täte der Podcastlandschaft nicht schaden, würden hin und wieder ein paar kleinere Format auftauchen. Bei detektor.fm ist das Konzept. Es würde Raum schaffen für kurze Gedanken, Geistesblitze und spontane Eingebungen, die oft Basis für dann folgende, größere Geschichten sind.

Wo ich das nun gesagt habe, mag ich allerdings nicht unterstellen, dass dies Nicolas’ Gedanken dazu sind, weshalb in diesen Feed, den er schlicht nach sich benannt hat, die erste Folge nur 10 Minuten dauert.

In Zukunft möchte ich in diesem Kanal Dinge ausprobieren, die mich interessieren und aus denen ich lernen kann.

Das kennt Ihr, oder? Der Matthias Fromm macht das so in den Transienten Sichten, der Sven vom Culinaricast hat die Küchenessenzen. Der Drang, über das übliche Format hinaus Gedanken, Ideen und Aktionen zu vertonen, die keinem roten Faden folgen ist eben doch zu groß. Hin und wieder wird das in den eigentlichen Podcast integriert, verwässert den aber unter Umständen, wenn es Überhand nimmt.

So findet dieses Gespräch mit Thomas also eine eigene kleine Heimat, wo es sich wohl fühlt und vor allem gefällt. Das Verhältnis der Zeit, die ich mir nach dem Hören eines Podcasts über das Thema gemacht habe zur eigentlichen Laufzeit der Episode war bei mir selten höher als hier.

Ich erinnere mich gut daran, wie ich mit 16 – lange Haare, schwarze Lederjacke – am Koblenzer Hauptbahnhof aus dem Bus stieg, um in die Stadt zu fallen. Auf dem Weg dorthin bin ich oft genug ewig an den Punks und/oder Obdachlosen dort “hängen geblieben”. Am Ende war ich wieder um ein Gespräch reicher und ein paar Kippen ärmer. Kohle hatte ich ja selbst eher keine.

Oder an den Berber – so bezeichnete er sich selbst –, den ich mit einem Freund zusammen während einer kleinen privaten Abiturfeier auf den Straßen einer Nachbarstatt kennen lernte. Job verloren, Frau verloren, Kinder verloren, Boden unter den Füßen verloren. Seitdem war er von Nord- nach Süddeutschland und darüber hinaus unterwegs, mit der Hoffnung in Südeuropa wenigstens einen erträglich warmen Winter verleben zu können. Was aus dem wohl geworden ist?

Zehn Minuten hören, dann stundenlang drüber grübeln. Und jetzt viel zu viel schreiben… Hört’s Euch an, wenn Ihr das nicht sowieso schon getan habt. Ich bin ja doch wieder viel zu spät dran ;-)

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