zwischendurch: Warum Podcasts? Wieso nicht TV?

Ich schreibe ja für gewöhnlich genau dann etwas hier rein, wenn einer von den vielen Podcastern seine Stimme erhoben und aufgenommen hat.

Wenn ich ehrlich sein möchte, reicht mir das aber nicht.

Deshalb möchte ich mal etwas über die Metaebene (muahaha) des Podcastings von mir geben, über die Auswirkungen dieses Kulturkonsums, über die Bedingungen, die ich schaffe, damit das geht und gerne auch über die Technik, so lange sie die Konsumenten betrifft.

Ich will mit einem einfachen Thema anfangen. Mit der Glotze.

Fernsehen hat seit Ende meiner Jugend keine große Rolle gespielt. Nachdem ich zu Hause ausgezogen war, hatte ich erstmal gar keine Glotze. Ich war Student der Informatik an der Universität zu Koblenz, wohnte in einer sehr abgedrehten WG – wir nannten sie “die Oase” – und hatte keine Kohle. Ok, ich hatte Kohle, aber die wanderte in die Telefonrechnung, die mein 19.2er Zyxel erzeugte. Damit wählte ich mich dann recht unerlaubt in einen Wartungsanschluss einer anderen Lehrinstitution der Stadt Koblenz ein, um auf irgendeinem Berliner Server zu landen, auf dem jemand freundlicherweise einen irc-client compiliert hatte. Es war das Jahr 1994.

Ich muss mich aber korrigieren. Ich hatte Glotze. Und zwar einen ca. 12″ kleinen Grünmonitor von Zenith. Dieser hing bis 1993 an einem XT, der 94 aber schon Geschichte war. Dank FBAS-Eingang konnte ich einen Videorekorder anschließen, der wiederum aus dem Signal der Hausantenne ein Bild auf die Röhre zauberte.

Alles sehr nerdig, wenn ich das so recht betrachte :)

Nicht, dass es nichts zu sehen gegeben hätte Mitte der Neunziger. Selbst MTV war damals noch erträglich und hatte mit Steve Blame einen echt coolen Kerl im Programm, den ich zusammen mit Michael, dem WG-Verrückten zusammen an fast keinem Mittwoch verpasste. Wenn mich meine Erinnerungen nicht trügen, gab’s im Anschluss dann Beavis und Butthead… I need TP for my bunghole!

Nachdem ich das Studium nach zwei Semestern standesgemäß abgebrochen hatte und noch ein paar andere Sachen ausprobiert hatte, zog ich 1996 mit meiner damaligen Freundin zusammen. Und wir bekamen eine Glotze.

Die diente zusammen mit einem Videorekorder zu 99% dem Aufnehmen und Abspielen der seinerzeit laufenden Folgen von TNG. Ansonsten tat die Glotze nur Dienst, wenn meine Freundin mit ihrer Mutter TV-Abende veranstaltet. Ich verbrachte diese vor meinem Amiga…

Die Zeit zog sich. Bis 2004 meine Scheidung anstand, ich wieder Single in einer Singlewohnung mitten in der Stadt war und wieder keine Glotze hatte. Aber einen überzähligen Rechner mit einem 19″ TFT, der als Mediacenter im Schlaf-/Wohnzimmer diente. Und ab sofort lief die Glotze im Dauermodus. Und warum? Weil im Radio nur Scheiße kam. Oft ließ ich die Glotze mit abgeschaltetem Monitor laufen, nur um eine Radiosimulation zu haben.

Ich gestehe, es lief oft N-TV, N24, aber auch diese Highlights im Kabel wie History-Channel und ähnliches…

Ich hatte irgendwie nicht mitbekommen, dass Ende der Neunziger das Radio angefangen hatte, scheiße zu werden. Die privaten Sender drückten in die Frequenzen und aus einem Grunde, der sich mir bis heute nicht erschließt, glaubten viele öffentlich-rechtliche Sender diesem Affentanz folgen zu müssen. In meinem Fall war das SWF3. Elmar Hörig drehte durch, verschwand von der Bildfläche und hinterließ eine komplett traumatisierte Generation von Radiohörern, die orientierungslos feststellen, dass sie SWR1 hören mussten, um die Musik ihrer Jugend hören zu können.

Ich erinnere mich da an eine Szene, es muss ungefähr 2004 gewesen sein. Ich war mit ein paar alten Schulfreunden im Auto unterweg. Der Fahrer machte das Radio an und hatte SWR1 auf dem ersten Speicherplatz. Etwas beschämt drehte er sich um und gab zu, SWR1 gerne zu hören. Reihum gestand jeder der vier Mitfahrer, dies auch zu tun. Der Sender, den unsere Eltern gehört hatten… So wird man alt.

[update] An dieser Stelle habe ich einen Satz entfernt, dessen Fehlen den nächsten Absatz unverständlich beginnen läßt. Ich habe meine heutige Frau 2006 kennen und lieben gelernt, mit ihr zog ich 2010 in eine gemeinsame Wohnung. [/update]

Es war schon 2010, als wir hierher zogen und aus Gründen, die mir nicht mehr geläufig sind, liefen mir die Elementarfragen über den Weg. Ich hatte gerade ein neues Handy gekauft, das einen leidlich guten MP3-Player darstellte und Folge 3 über Tschernobyl auf das Gerät geladen. Der Rest ist Geschichte, ich war angefixt.

Wieso erst 2010? Ganz einfach: Kein Apple, keine Zeit, die Welt war schnell, aufregend und für Computerkram war (außer WoW) keine Zeit. Ich hatte fünf Jahre eines Mediums verpennt, das heute meinen Konsumalltag massiv beeinflusst. Es gibt nichts, worauf ich mit dem Finger zeigen kann. Stellt Euch das vor, wie die ersten Jahre Twitter, die Ihr verpasst habt. Wenn Ihr sie verpasst habt…

Von nun an ging’s bergab ;-)

Podcasts. Dieses Medium, in dem Menschen, die das bestenfalls nebenberuflich tun und in ihrem Tun zwar teils hochprofessionell werden, verglichen mit gelernten  Medientechnikern aber oft (ja, ich weiß, es gibt Ausnahmen) hinter dem Möglichen bleiben. Und es ist was? Genau: Es ist egal.

In den 50ern haben die Menschen TV gesehen. Nach Plan, zusammen und unter Bedingungen, die wir heute bestenfalls als nostalgisch erleben können. Ich erinnere ich gut an Zimmerantennen-Sessions. “Nicht bewegen, das Bild steht!”. Gut, das waren bei mir nicht die 50er. Es waren schon die 70er.

Aber genau dieses gemeinsame Erleben unter teils erschwerten Bedingungen erlebe ich nun mit Podcasts. Sicher gibt es große Unterschiede, die man anführen kann. Zeitsouveränität wäre ein Stichwort, das gerne gekaut wird. Die Zahl der Livehörer kann dem zwar nicht widersprechen, aber sie weißt auf einen Trend hin. Nämlich auf das Gemeinschaftserlebnis, auf das Bedürfnis, diesen Ereignis mit anderen zu teilen. Diesen Teil des Phänomens Podcasting möchte ich an dieser Stelle aber bewußt ignorieren, darüber wird an anderer Stelle geschrieben werden.

Konsum ist übrigens ein beschissener Begriff an dieser Stelle, mir fällt nur eben kein besserer ein. “Erleben” wird ab dem zweiten Male Marketingsprech, das ich so gar nicht mag.

Dennoch bleibt die Frage: Wieso Podcasts? Die Antwort besteht aus zwei Teilen und ich glaube, sie ist fürchterlich einfach.

Teil 1: Hören ist das schnellste Medium, das wir haben. Unser Gehirn kann, so glaube ich ohne dafür Studien an der Hand zu haben, gesprochenes am schnellsten parsen. Sehen lässt zu viele Interpretationen in der Interaktion zu, der Rest der Sinne fällt ganz aus. Wenn der Sendende weiß, dass der Empfänger nur das Gehörte bekommt, dann ist das gesprochene Wort sicher die schnellste Art, Kommunikation von Mensch zu Mensch zu betreiben.

Teil 2: Es braucht keine umfänglich studierten Experten und gelehrte Menschen mit Diplomen an der Wand, um zu einem Thema nicht nur eine belastbare Meinung zu haben. Oft sind real gemachte Erfahrungen deutlich wichtiger, als aus Büchern und Vorlesungen erworbenes Wissen. Die Wahrscheinlichkeit, einen solchen Menschen beim Podcasten zu erwischen ist relativ hoch. Das ist nicht immer Narzismus. Viel eher beobachte ich, dass gerade Autodidakten Ihre Kenntnisse teilen, weil sie – bewußt oder unbewußt – wissen, dass das Vermitteln von Wissen eine der besten Methoden ist, das eigene zu festigen und zu mehren.

Ich breche den Artikel an dieser Stelle einfach mal ab. Ich habe viele Gedanken zum Thema im Kopf – Wissensvermittler wäre eines davon. Dennoch möchte ich nicht zu viel Pulver in die Luft schießen, sonst verliert man den Überblick und mit meiner Antwort auf die Frage “Wieso Podcasts?” biete ich mal zwei simple Angriffspunkte, die man diskutieren kann. Sehe ich das alles zu simpel? Habe ich etwas übersehen?

Und bedenkt bitte bei allem: ich bin nur Hörer, ich bin Empfänger, nicht Sender im Medium Podcast.

Vielen Dank für Deine Aufmerksamkeit, wenn Du bis hierher durchgehalten hast :-)

2 Gedanken zu “zwischendurch: Warum Podcasts? Wieso nicht TV?

  1. Sehr schoen beschrieben.
    Ich werd das Thema mal mit Tom anreissen, der ja selbst gar keine Podcasts hoert, während ich fast 40 feeds habe, von denen ich fast alles komplett hoere.
    Viele deiner Erfahrungen decken sich mit meinen, ich habe aber schon 2007 das Glück…

  2. Hallo Suppenmeister,

    ich stimme Witzmann da mal zu, ich habe mich auch öfters in deinem Text wieder gefunden.
    Ein, zwei Punkte möchte ich noch ergänzen, warum und wieso Podcasts.
    1. Keine Lügen, keine Hintergedanken. Ok etwas plakativ … ABER: ich finde Podcasts sind so das einzige Medium für mich, in dem ich mich nicht ständig verarscht fühle. Keine Teaser oder Hinhaltetaktik, um die Hörer oder Zuschauer an das Medium zu binden. Als Hörer hat man hier die Souveränität, um abzuschalten sowie volle Kontrolle über den Zeitstrahl. Wenn mir ein Thema nicht gefällt skippe ich einfach weiter. Wenn ich keine Zeit oder Lust habe, dann schalte ich ab. Wenn ich was nicht verstanden habe, kann ich nochmal zurückspulen. Was ich aber immer bekommen kann, sind echte und ehrliche Meinungen, und das hält mich an der Stange. Ich glaube nicht, dass ein Podcaster dauerhaft seinen Hörern was vormachen kann. Und ich finde es auch gut, wenn bei WMR oder NSFW mal die Fetzen fliegen und hart diskutiert wird. Auch wenn ich dann innerlich immer hoffe, dass nichts schlimmes zwischen den Leuten passiert (teils aus Sympathiegründen, teils weil ich gerne weitere Folgen hören würde *g*).

    2. Radio for the people. Es ist toll, dass es inzwischen so einfach ist: jemand hat etwas zu sagen, stöpselt eine Headset an seinen Computer und legt los. Ich glaube die wenigsten begreifen, was für ein enormer Umbruch in den letzten 10-15 Jahren passiert ist. Ich würde den Begriff der Kulturrevolution da als vollkommen untertrieben ansehen. Zur Erinnerung: Anfang der 90er stand man einfach da wie der letzte Depp wenn man zu einem beliebigen Thema mal etwas mehr wissen wollte. Wir kennen es noch anders, die Generationen nach uns werden dieses Gefühl wohl nur noch bei Stromausfall nachvollziehen können. Und heute gibt es endlich die Möglichkeit, die Brechtsche Radiotheorie umzusetzen, als Sender und als Empfänger. Das könnte fantastisch werden! Ich erinnere mich noch so an Dezember 2008 (oder 09?)): da hat Tim zu der Spendenaktion für seine Bahncard 100 aufgerufen. Ich hab zwar gespendet, aber in dem Moment nicht wirklich dran geglaubt. Und dann war die Kohle schon drei Tage da. DAS kam überraschend und war toll.

    3. Nischenthemen, abseits des Rauschens. Manchmal sind da so Podcasttitel, wo ich mir denke: LAME. Und dann hört man doch mal rein und merkt dann erst 3 Stunden später, dass man sich gerade mit einem Thema beschäftigt hat, was einen vorher nie interessiert hat. Auch wenn ich es doch nicht so 100% verstehe, dann ist es manchmal einfach nur faszinierend zu hören, wie sehr manche Leute für ihr Thema brennen.

    4. Zeit. Podcast geben mir die Möglichkeit, mal richtig was zu lernen. Und das nicht in irgendeiner 3 Minuten-Radionummer oder einer halbstündigen Doku, die dann so gestrickt sind dass selbst der letzte es versteht. Nein, da reden Leute mal eben 2 Stunden und mehr, und jedes noch so kleine Detail wird erläutert. Und ich merke an mir, dass -wie du oben schon gesagt hast- das alles in einer sehr natürlichen Geschwindigkeit und Weise bei mir im Gehirn ankommt. Da ist das mündliche Erzählen wohl einfach das beste.

    Naja, du merkst schon ich bin begeistert. Ich freue mich über den aktuellen Stand und hoffe, dass wir das mit unseren flattrklicks weiter tragen können und vielleicht auch erweitern.
    die Frage für mich ist eher, warum es nicht mehr Hörer gibt. Ich kann es inzwischen nicht mehr so richtig nachvollziehen, warum so viele Menschen an den alten Medien hängen bleiben. Ist das ne Einstellungssache oder wissen sie einfach nicht, wie toll das ‘andere Programm’ ist?

    Egal, keep on rocking’ :-D