Erstens: Ich kann es nicht ausstehen, wenn man Soundbeds unter einen Podcast legt.
Zweitens: Schiffe interessieren mich, seit ich vier Tage lang das Seitenschwert eines Plattbodenschiff auf dem IJsselmeer hoch- und runterkurbeln durfte nicht im Geringsten.
Drittens: Ist mir doch wurst!
Vor ziemlich genau sechs Jahren hatte ich das Glück, auf einer längeren Autofahrt die Erzählungen eines Hochseekapitäns (wenn es diesen Begriff überhaupt gibt) in einem der kulturell bemühteren deutschen Radiosender hören zu können. Die Geschichten fesselten mich über fast zwei Stunden zwischen Koblenz und Karlsruhe.
Als vor knapp einer Stunde Patrick @Breitenbach auf Twitter verkündete, er habe ein neues Podcastprojekt – die Seefahrergeschichten – in die Welt gesetzt, lud ich mir umgehend die erste Folge herunter, warf den VLC an und musste sofort an diese Radiosendung vor sechs Jahren denken.
Holger Breitenbach, Patricks Schwiegervater, erzählt in dieser Podcastreihe, wie er von 1964 an zwei Jahre lang zur See die Welt bereist, beginnend mit dieser ersten Folge, in der er seine Äquatortaufe beschreibt. Das ist entgegen allen romantischen Vorstellungen dank Traumschiff und Co. zumindest für die Besatzung seinerzeit kein wirklicher Spaß gewesen.
Dies tut er in launigen Details und in der Sprache einer Sozialisierung der Nachkriegszeit. Die erste Folge habe ich verschlungen, sie macht neugierig auf die folgenden Geschichten. In der Tat höre ich sie mir gerade zum zweiten Male an.
Ich könnte jetzt aufhören zu schreiben, denn mehr zu verraten wäre unsinnig. Aber diese 22 Minuten Podcast haben mich sehr heftig von der Seite erwischt. Zwei Aspekte an diesem Projekt sind es, die mich neben dem Inhalt unter Hochspannung setzen.
Der erste ist eine vermutlich etwas romantische Vorstellung, die ich mit mir herumtrage. Die Menschen der ersten Nachkriegsgeneration Deutschlands wurden zwar in ein zerstörtes Land und in eine Gesellschaft hineingeboren wurden, die sich erst wieder zusammenfinden musste und die in ihren starren Strukturen und Lebenentwürfen eher dem 19. als dem uns bekannten 20. Jahrhundert entsprachen.
Andererseits treibt mich die Vorstellung, dass gerade diese zerworfene Gesellschaft es – vermutlich vor allem Männern – leichter machte, ihre Biografien flexibel zu gestalten, all das, was vermeintlich vorher bestimmt gewesen schien, hinter sich zu lassen und zum Beispiel Seemann zu werden. Vielleicht ist es der Kontrast zum heutigen Denken, dass wer es nicht bis Mitte Zwanzig auf einen Baum geschafft hat, den Rest seines Lebens am Boden kriechen muss.
Ich glaube, das ist ein Thema, mit dem man dutzende Podcasts zu befüllen vermag, ich vermute, meine Sicht ist da nicht nur romantisch, sondern auch massiv von subjektiver Angst um die eigene Biografie geprägt, sodass ich das in irgendeiner Art und Weise einmal genauer beleuchten muss.
Der zweite Aspekt ist deutlich schwerwiegender, denn hier habe ich es mit persönlichem Bedauern und auch Versagen zu tun. Ich wollte schon seit Jahren zusammen mit meinem Bruder die “Alten” meiner Familie interviewen. Mein Familienstammbaum breitet sich über die letzten vier Generationen über Dreiviertel Europas aus, es gab viele spannende Biografien und Geschichten, die ich zwar in Teilen schon gehört habe, aber sie nie zusammengetragen. Das holt mich nun ein, nachdem die letzte Angehörige der Vorkriegsgeneration von einem Schlaganfall in die Demenz gestoßen wurde.
Ich kann und muss Euch alle nur warnen: Wenn Ihr etwas über Eure Familiengeschichte über die Zeit retten möchtet, dann tut es jetzt. Ob in Schrift, Bild oder, was vermutlich die beste Variante ist, im Ton: tut es jetzt, nicht erst morgen, denn dann könnte es zu spät sein.
Die Seefahrergeschichten haben mich in 22 Minuten sehr beeindruckt. Da ende ich doch mal mit einem Zitat aus der Projektbeschreibung:
Danke an Holger für seine Geschichten, die er so auch für seine Enkel, Urenkel usw. aufgezeichnet hat.
Danke dir für die tolle Rezension.
Ganz ehrlich, weil selbst unsicher (und die Rohdatei verdaddelt): Wie sehr nervt der unterlegte Wellengang-Sound-Bed? Weil sonst ist es ein leichtes das wegzulassen.
Ansonsten kann ich dir nur raten: MACHEN! Befragt die Alten. Bewahrt die Geschichten aus erster Hand und überlasst das nicht nur den großen etablierten Medien und Verlagen!
Nochmal ein Nachtrag weil diese Rezension ja sehr persönlich von Herzen kommt: Ich ärgere mich richtig und es macht mich auch gerade sehr traurig, dass man Opa so früh verstorben ist – bevor es Podcasts gab (er hätte das Internet sowieso geliebt). Er war ein toller Geschichtenerzähler und mit ihm ging so viel verloren, weil die Erinnerungen an diese Geschichten dann doch schneller verblassen als die Festplatten von heute.
Viele Menschen denken auch, dass ihre eigenen Geschichten gar nicht spannend sind, aber da täuschen sie sich. Gerade in der rasenden Zeit wirken Geschichten von früher fast faszinierender als Geschichten, die in die Zukunft blicken.
Ich wünsche mir jedenfalls mehr solcher Formate, als noch einen weiteren Tech-Geek-Podcast. ;-)
Habt Mut!
Der Wellengang stört erstaunlicherweise überhaupt nicht.
Ich hab ihn anfangs natürlich bemerkt, aber irgendwann in der Mitte fiel mir dann auf, dass Du ihn nicht ausgeblendet hast :)
Da kann ich mich den Worten nur anschließen.
Meine Oma, Jahrgang 1901, wurde 94 Jahre alt und konnte mir erlebte Geschichten aus zwei Weltkriegen, vier deutschen Staatsformen und darüber hinaus aus den Erzählungen ihrer eigenen Großeltern, die 1822 bzw. 1825 geboren wurden wiedergeben. Kurz dem Hirn Luft geben, nachrechnen und ja: das war lausige 33 Jahre nach der französischen Revolution. Da war ein bewusstes Erleben der deutschen Revolution 1848 und und und… Und das aus gerade mal zweiter Hand!
Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wohin unsere Generationen diese Welt treiben, aber wir müssen optimistisch bleiben und ausnahmsweise den best case annehmen, sodass das, was wir heute aufzeichnen, also die Geschichten der Vor- und Nachkriegszeit auch von unseren Enkeln und Urenkeln noch gehört werden können. Damit die es ins 22te Jahrhundert tragen können.
Danke, dass Ihr einen Anfang macht, liebe Familie Breitenbach :)